Preissteigerungen im Lebensmittelbereich – Status Quo und Ausblick eines Volkswirts
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Professor Wentzel, was sind Gründe für die deutlichen Lebensmittel-Preissteigerungen in den letzten fünf Jahren?
Zum einen befinden wir uns in einer Energiekrise. Das heißt, die Stromkosten sind massiv gestiegen. Für Bäckereien beispielsweise ist das sehr relevant, Backwaren werden teurer. Zum anderen sind neben den Produktionskosten auch die Löhne nach der letzten Inflationswelle stark gestiegen. Hinzu kommen geopolitische Risiken: Die Ukraine ist der größte Produzent von Getreide weltweit – durch den Krieg gab es einen deutlichen Anstieg der Kosten. Alle Faktoren gemeinsam haben dazu geführt, dass die Lebensmittelpreise etwa seit der Corona-Pandemie, in einigen Bereichen um fast 50 Prozent angestiegen sind.
Die Lebensmittelpreise steigen nicht nur, sie schwanken auch seit einigen Jahren stark. Welche Gründe hat diese Entwicklung?
Ganz simpel: Angebot und Nachfrage. Zunächst zu den Preissteigerungen: Neben den gestiegenen Energie- und Produktionskosten, sind auch die Kosten des Klimawandels erheblich. Es gibt immer mehr Extremwetterlagen wie starke Regenfälle und Überschwemmungen, aber auch Dürreperioden. Das beeinträchtigt die Landwirtschaft. Deshalb ist der Produktionszyklus nicht mehr genau planbar und es kann bei der Ernte zu Engpässen kommen. Diese Engpässe führen wiederum zu Schwankungen, wodurch die Entwicklung nicht mehr linear verläuft. Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: alles wird teurer oder Produkte fallen gänzlich aus und müssen durch alternative Produkte ersetzt werden. Andere Produkte werden dann wieder günstiger. Was ich als Volkswirt aber in jedem Fall sehe: Die Menschen in Deutschland haben reale Probleme, die Lebenshaltungskosten zu erwirtschaften.
Lebensmittel kaufen müssen die Menschen trotzdem. Wie verändert sich das Konsumverhalten, wenn die Produkte teurer werden?
Neben dem drastischen Anstieg an Menschen, die ihre Lebensmittel von den Tafeln beziehen - vor allem in großen Städten – wählen mehr Menschen für ihren Einkauf den Discounter. Manche reduzieren ihren Fleischkonsum oder kaufen teure Produkte beispielsweise nur an Feiertagen. Aber es gibt auch einen Gegentrend: Menschen, die bei Lebensmitteln auf extrem hochwertige Produkte setzen, auch in diesen Zeiten. In teureren Biomärkten finden sich Verbraucher, die sagen, „Ich esse nur einmal in der Woche Fleisch, dann muss es hochwertiges Bio-Fleisch sein und kann pro Stück auch 12 Euro kosten.“ Insofern ist es kein einheitlicher Trend. Vor allem Haushalte mit niedrigeren Einkommen sind beim Einkaufen weiter stark belastet.
Wir sind also längst nicht auf dem Krisenniveau der Corona-Pandemie oder der Finanzkrise 2008?
Mit Blick auf die Wachstumszahlen war die Finanzkrise 2008 die schlimmste Krise und hatte volkswirtschaftlich stärkere Auswirkungen als die Corona-Pandemie. Von solch einem Extremszenario sind wir weit entfernt. Allerdings nehmen die geopolitischen Risiken zu. Die USA als wirklich vertrauenswürdigen Partner zu verlieren; Venezuela, Grönland und die Beziehungen zu Russland und China. Zukünftig könnten diese Faktoren die wirtschaftliche Situation in Deutschland stark beeinflussen. Ich plädiere jedoch dafür, immer optimistisch zu bleiben: Wir haben mit der jüngst angekündigten Unternehmenssteuersenkung, der Mehrwertsteuersenkung, die implementiert wurde und auch mit dem sogenannten „Industriebooster“ einige Maßnahmen, die meiner Ansicht nach eine positive Wirkung haben werden.