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Corona – Das etwas andere Auslandssemester in Ljubljana

Das Auslandssemester in Ljubljana sollte das krönende Highlight seines Studiums im Master Corporate Communication Management werden. Dann legte das Corona-Virus das gesamte Erasmus-Dasein lahm. Tim Kullmann erzählt, warum er der Stadt auch in der Corona-Krise treu blieb und wie er die ungewohnte Situation in einem fremden Land erlebt hat.

Als ich Anfang Februar nach zehnstündiger Zugfahrt in Ljubljana ankomme, ist an die bald einsetzende Corona-Krise in Europa nicht zu denken. Freilich ist niemandem entgangen, dass das COVID-19 die Bevölkerung im 7.169 Kilometer entfernten China vor große Probleme stellt. Trotzdem wird bei der für die Austauschstudenten organisierten Auftaktveranstaltung noch über Corona und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen gescherzt. In meinem Umfeld ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand, dass jene Maßnahmen einen Monat später unser Alltagsleben bestimmen werden.

Die Pre-Coronazeit erfüllt meine Erwartungen an das Abenteuer Auslandssemester voll und ganz. Mein Bedarf an interkulturellem und englischsprachigem Austausch sowie nach einer Fakultät mit überzeugenden Lehrkonzepten wird gedeckt. Außerdem ist Ljubljana einfach hinreißend. Das charmante äußere Erscheinungsbild, die hohe Lebensqualität und das gemächliche Wesen der Stadt haben es mir angetan. Obwohl die Partnerhochschulen der Hochschule Pforzheim weltweit verteilt sind, bereue ich meine Entscheidung für das aus der Ferne gesehen weder schillernde noch exzentrische Slowenien nicht. Das Land besticht stattdessen mit Beschaulichkeit und Naturbelassenheit – auch wenn mir große Teile der facettenreichen Landschaft von schroffer Alpenwelt bis mediterraner Adriaküste zunächst verwehrt bleiben. Die Corona-Krise durchkreuzt meine zahlreichen Reisepläne gnadenlos.

Der 16. März wird als Auftakt in eine Zeit in Erinnerung bleiben, die unsere gewohnte Erasmus-Welt schlagartig aus den Angeln hebt. Wo zuvor ausgelassene Partys, gesellige Kneipentouren, spontane Ausflüge und gemeinsame Seminare in der Fakultät den Tagesablauf prägen, herrscht plötzlich Tristesse, Ratlosigkeit und auch ein bisschen Frust. Restaurants, Bars, Diskotheken und Cafés bleiben bis auf weiteres geschlossen. Das gesamte Kultur- und Sportprogramm wird gestrichen. Öffentliche Verkehrsmittel verkehren nicht mehr. Sämtliche Bildungseinrichtungen werden dicht gemacht. Vorlesungen und Seminare finden von nun an ausschließlich online statt. Wenige Tage später kommen strikte Ausgangsbeschränkungen hinzu. Zum Einkaufen, Spazieren und Joggen dürfen wir noch das Haus verlassen – allerdings nur allein oder in Begleitung von Menschen, mit denen wir uns den Haushalt teilen.

Mitbewohner*innen habe ich von Tag eins an zur Genüge. Ich lebe in einem Haus mit sechs weiteren Erasmusstudent*innen. Und das ändert sich glücklicherweise auch in der Coronazeit nicht. Bei vielen meiner Kommiliton*innen steigen Unsicherheit und Angst mit zunehmenden Fallzahlen und härteren Maßnahmen. Während der Gedanke, zuhause am besten in dieser schwierigen Zeit aufgehoben zu sein, die meisten von ihnen in ihre Heimatländer zurücktreibt, bleibt unsere Wohngemeinschaft der Stadt erhalten. Wir weigern uns strikt, das lange herbeigesehnte Auslandssemester vorzeitig zu beenden. Stattdessen erhalten wir unser soziales Umfeld aufrecht und helfen uns gegenseitig mit gemeinsamen Spieleabenden, Kochkursen, Gartenarbeiten, Tanzeinlagen und Filmnächten durch die Krise.

Mit der Zeit gewöhne ich mich auch an die besonderen Lebensumstände. Der Aufenthalt in Ljubljana fühlt sich zu jeder Zeit richtig an – auch weil die slowenische Regierung Nägel mit Köpfen macht. Mit frühzeitigen, konsequenten und vernünftigen Maßnahmen schafft sie Vertrauen und bekommt die Lage in den Griff. Die Bevölkerung hält sich vorbildlich an Vorgaben wie die Masken- und Handschuhpflicht bei Einkaufsgängen und das strikte Versammlungsverbot in der Öffentlichkeit. Risikogruppen werden zudem exklusive Einkaufszeiten (täglich von acht bis zehn Uhr) zugestanden, um deren Ansteckungsrisiko zu minimieren.

Meine Fakultät reagiert ebenfalls professionell und passt sich zügig an die neuen Rahmenbedingungen an. Die Unterrichtseinheiten gehen nahtlos vom Hörsaal in die digitale Lehre über. Zwar leidet die Interaktionskultur zwischen den Dozierenden und Studierenden ein wenig unter der räumlichen Distanz und Anonymität. Zu Unterrichtssaufällen kommt es aber nicht. Mein Semester werde ich ohne Einschränkungen zu Ende bringen können. Selbst geplante Klausuren finden bereits via „Zoom“, der bevorzugten Plattform für Videokonferenzen, unter dem wachsamen Blick der eigene Laptopkamera statt. Und unter Effizienzaspekten hat die Umstellung auch etwas Gutes – zumindest für die Student*innen. „Zoom“ versetzt mich in die Lage, der Vorlesung zu folgen und zeitgleich den Putzplan zu erfüllen, das Mittagessen zuzubereiten oder ein einfach im Garten den Frühlingsanfang zu genießen. 

Auch wenn ich mir definitiv einen anderen Verlauf für mein Auslandssemester gewünscht habe, so bringt die Corona-Krise auch Gutes hervor. Die Quarantäne schweißt mich mehr und mehr mit den „Gebliebenen“ zusammen. Außerdem gelingt es mir, mich auf Dinge zu besinnen, die zuletzt im hektischen Alltag oft untergegangen sind. Das Wissen um die vielen verpassten Erasmus-Momente drückt nur selten meine Stimmung. Vielmehr mache ich das Beste aus den Gegebenheiten und freue mich auf die noch anstehende Zeit in Ljubljana. Hoffentlich bald wieder mit ein paar Lockerungen.

Text von Tim Kullmann, 4. Semester MCCM