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Gehen uns die Ressourcen aus?

Am 7. Dezember fand in Stuttgart erfolgreich die so genannte NEXUS-Tagung mit 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Im Fokus stand dabei die Verbindung von primärer und sekundärer Rohstoffgewinnung sowie den damit verbundenen Umweltwirkungen und dem Energieverbrauch. Neben hochkarätigen Gastbeiträgen wurden insbesondere Ergebnisse des NEXUS-Projekts vorgestellt, das unter der Federführung des INEC und mit finanzieller Förderung durch das Land Baden-Württemberg derzeit durchgeführt wird.

 Die Projektergebnisse sollen laut Prof. Mario Schmidt als Fakten einer evidenzbasierten Rohstoffpolitik dienen. Der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller hat in seinem Grußwort diesen Ball aufgenommen und darauf hingewiesen, dass vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen, insbesondere des Klimawandels, eine faktenbasierte Politik gefragt ist, auch wenn dadurch festgefügte Weltbilder in Frage gestellt werden. Er hat angekündigt, dass in den nächsten Jahren weitere Konferenzen zu dem Thema stattfinden soll. Als wesentliches Handlungsfeld der Umwelt- und auch der Ressourcenpolitik hat Minister Untersteller den Klimawandel identifiziert. Entsprechend sollten Politikmaßnahmen auf ihren Beitrag zur THG-Vermeidung ausgerichtet sein.

Prof. Mario Schmidt führte in das Thema ein, zeigte die Bandbreite der thematischen Fragestellungen auf und gab einen Ausblick. Kernaussage: Rohstoffe sind nicht physisch knapp, sondern ökonomisch. Die Rohstoffquellen werden auch in absehbarer Zeit nicht versiegen, aber der Aufwand zu ihrer Förderung wird steigen. Insbesondere leisten sie einen Beitrag zum Klimawandel, was in der Zukunft stärker berücksichtigt werden muss.

Der erste Gastbeitrag kam von Prof. Markus Reuter vom Helmholtz-Institut für Ressourcentechnologie aus Freiberg. Als Metallurge hat er auf die metallurgischen Zusammenhänge der Circular Economy (CE) hingewiesen. Viele Metalle werden als Nebenprodukte einer Handvoll Hauptmetalle gewonnen. Fallen die Technologien oder Anlagen für diese Hauptmetalle weg, so ist auch die Versorgung mit vielen anderen Metallen gefährdet. Die Primärgewinnung aus Minen und die Sekundärgewinnung aus dem Recycling bauen auf den gleichen Technologien auf. Doch die metallurgischen Herausforderungen bei der Umsetzung einer Circular Economy werden von Politik und Gesellschaft noch nicht einmal ansatzweise wahrgenommen, denn Kreislaufwirtschaft ist mehr als nur Sammeln und Trennen. Das Know-how und die technische Infrastruktur für ein umfassendes Metallrecycling geht in Europa derzeit verloren und müsste aber im Sinne der CE erhalten und weiter aufgebaut werden. Chancen sieht Prof. Reuter in der Digitalisierung und in einer Produktkennzeichnung.

Aus der Sicht eines Recyclingunternehmens ist Circular Economy natürlich begrüßenswert. Das betonte der Geschäftsführer des Unternehmens Remondis, Herwart Wilms. Allerdings zeigt der zunehmende Einsatz von Verbundwerkstoffen die Grenzen des Recyclings auf. CFK ist beispielsweise aufgrund seiner Festigkeit und seines geringen Gewichtes ein zunehmend beliebter Werkstoff im Leichtbau und trägt so zur Vermeidung von Treibhausgasemissionen bei; allerdings ist das CFK-Recycling immer noch eine ungelöste Herausforderung. Zur besseren Recycling- und Reparatur-Fähigkeit sollte das Öko-Design konsequenter angewandt werden und auch private und staatliche Konsumenten sollten mehr auf die Verwertung von Produkten achten.

Einen  Blick „von oben“ hat Dr. Moritz Nill des NEXUS-Projektpartners Systain aus Hamburg auf den gesamten Ressourcen-Bedarf des Landes Baden-Württemberg geworfen. Durch die Transparenz des Rohstoffeinsatzes in der Lieferkette lassen sich Preisrisiken von Rohstoffen als Hot Spots besser identifizieren und letztlich handhaben. Kernergebnisse: Die bei der Gewinnung und Aufbereitung der Metalle freigesetzten CO2 Mengen übersteigen sogar die Emissionen des baden-württembergischen Straßenverkehrs, erfolgen aber geographisch gesehen weltweit, nicht nur im Ländle. Für den Einsatz in Baden-Württemberg sowie für Exporte von Gütern werden weltweit mehr als 7 Millionen Tonnen Erze benötigt.

INEC-Mitarbeiterin Nadine Rötzer hat in ihrem Beitrag den Zusammenhang zwischen abnehmenden Erzgehalten und dem kumulierten Energieaufwand der Rohstoffförderung untersucht. Es hat sich gezeigt, dass trotz abnehmender Erzgehalte der Energieaufwand pro Tonne Rohstoff in den vergangenen Jahrzehnten konstant geblieben ist. D.h. der technische Fortschritt mit effizienteren Verfahren gleicht den sinkende Erzgehalte aus. Außerdem sind der energetische Aufwand und damit auch die Umweltauswirkungen bei der Primärgewinnung von Rohstoffen von vielen Faktoren abhängig; der Erzgehalt ist nur einer von vielen. Dementgegen wird die Rolle des Erzgehalts in der Debatte um die versiegenden Rohstoffquellen häufig überbewertet. Deutlich wurde auch, dass im Bergbaubereich ein erhebliches technisches Optimierungspotenzial besteht. Schließlich sollte bei der Modellierung und Bilanzierung von Umweltwirkungen der Rohstoffförderung stärker auf die vergesellschafteten Rohstoffvorkommen in den Erzlagerstätten eingegangen werden, was der klassischen Einprodukt-Denkweise von Ökobilanzen entgegensteht.

Auf die Sekundärgewinnung von Rohstoffen ging INEC-Mitarbeiter Philipp Schäfer ein. Am Beispiel von Kupfer, Tantal und Kobalt verglich er den Energieaufwand von Primär- und Sekundärgewinnung. Das Hauptproblem besteht darin, hochwertige und aufkonzentrierte Schrottfraktionen zu erhalten. So kommt es, dass einige Schrottfraktionen beim Recycling schlechter abschneiden als die Primärgewinnung. Die Prozesse müssen detailliert analysiert werden. Dazu sind umfangreiche Modelle erforderlich. Und auch hier gilt: Der Bezug auf einzelne Metalle führt oft zu einem falschen Bild. Beim Recycling muss sozusagen das Gesamtpaket an möglichen Wertstoffen betrachtet werden.

Dr. Torsten Zeller von CUTEC der Universität in Clausthal-Zellerfeld ging dann als weiterer NEXUS-Projektpartner auf die mangelhafte Datenlage der LCA-Datenbanken ein. Dieser Punkt war im Rahmen der Veranstaltung öfter Gegenstand der Debatte. Die aktuelle Datenbasis wird allgemein als unzureichend für vergleichende Ökobilanzen im Metallbereich angesehen. Als Bilanzierungsbeispiel stellte Dr. Zeller den Einsatz von Schlacken als Sekundärbaustoff vor, der ökologisch vorteilhaft ist und dem mit weniger Vorurteilen begegnet werden sollte.

Der Leiter der Deutschen Rohstoffagentur DERA aus Berlin, Dr. Peter Buchholz, ging auf die Rohstoffmärkte ein und welchen Einflussfaktoren sie unterliegen. Bemerkenswerte Feststellung: Die realen Rohstoffpreise sind über Jahrzehnte hinweg konstant geblieben, was auch als Hinweis gedeutet werden kann, dass keine physischen Knappheiten vorliegen.

Andreas Nolte von der Aurubis AG, einem der großen Kupferhersteller, berichtete nochmals aus der Praxis des Metall-Recyclings in Deutschland. Technisch wäre eine noch bessere Rückgewinnung von unterschiedlichen Metallfraktionen möglich; dieses Potenzial wird bislang nicht ausgeschöpft. Die Grundfrage für ihn ist allerdings, was als gleichwertiges Recycling gilt. Dem steht der unpräzise Begriff des Downcyclings entgegen. Die technischen Gegebenheiten würden zu wenig Beachtung bei rechtlichen Einschränkungen innerhalb der Kreislaufgesetzgebung finden.

Dr. Michael Priester von der ProjektConsult aus Hamburg stellte schließlich die Umweltprobleme und die sozialen Folgen der Rohstoffgewinnung dar. Hier zeigt sich ein divergentes Bild: Einerseits nimmt die Professionalisierung im Bergbau zu, andererseits steigt aber auch der informelle Kleinbergbau. Letztlich sinkt die Transparenz von Wertschöpfungsketten in der Primärgewinnung. Außerdem lassen sich die Umweltprobleme des Bergbaus nur unzureichend in einer Ökobilanz darstellen. Dabei kann man nicht zwingend eine Beziehung zwischen abgebauter Menge und der Höhe der Umweltbelastung herstellen. Zudem sind die Umweltrisiken in Ländern mit schlechter Umwelt-Governance höher und Firmen ohne internationale Kontrolle bergen größere Umweltrisikopotenziale als internationale Bergbaufirmen.

Insgesamt bot die Tagung rund um das Rohstoffthema interessante Erkenntnisse und Denkanregungen jenseits üblicher Denkmuster und bezog dabei ein fachlich interessiertes Publikum in einer sachlichen Atmosphäre mit ein.