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„Finden Sie raus, was Sie gerne machen!“ – VIA Impulse mit Hans-Jürgen Bill

VIA Impulse mit Hans-Jürgen Bill

Prodekan Prof. Dr. Markus-Oliver Schwaab konnte den Erstsemestern der Business School am 1. März 2018 mit Hans-Jürgen Bill einen Alumnus vorstellen, der vor 35 Jahren sein Aufbaustudium des Wirtschaftsingenieurwesens in Pforzheim abschloss und danach bei zwei Global Playern einen beeindruckenden Karriereweg beschritt: zunächst bei Siemens, wo seine Stationen im Vertrieb eine gute Schule für seine weiteren Einsatzgebiete waren, anschließend bei Nokia, wo er es bis zu seiner heutigen Position als Chief Human Resources Officer brachte, in der er die Verantwortung für alle personellen Belange von 100.000 Mitarbeitern trägt.

 

Das Glück des Tüchtigen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, und dann den Mut zu haben, sich beruflich ins kalte Wasser zu stürzen – damit lässt sich die Laufbahn von Hans-Jürgen Bill in aller Kürze zusammenfassen. Die Studienanfänger des diesjährigen Sommersemesters an der Business School verfolgten gespannt die Ausführungen des Personalchefs eines Unternehmens, das um die Jahrtausendwende mit einem Marktanteil von 42% Weltmarktführer bei Mobiltelefonen war und sich einige Jahre später komplett neu erfinden musste. Nokia, nach einer 30.000-Einwohner-Stadt in Zentralfinnland benannt, hat eine 150 Jahre lange, wechselhafte Geschichte hinter sich: Von der Papiermühle über die Herstellung von Gummistiefeln und Elektrokabeln hin zur Telekommunikations- und Netzwerkbranche musste sich das Unternehmen immer wieder neu ausrichten. Aktuell ist das Hauptgeschäftsfeld die Telekommunikationsinfrastruktur, wie z.B. Mobile Netze, Internet Router, Festnetze, sowie die Digital Health Sparte. Nokia-Mobiltelefone positionieren sich inzwischen über Brand Licensing als Nummer vier auf dem Handymarkt. „Global“ ist der Begriff, der den Kern der Kultur bei Nokia nach Hans-Jürgen Bills Einschätzung am besten umschreibt – die weltweite Verteilung und Vernetzung zeigt sich unter anderem darin, dass der multikulturell zusammengesetzte Vorstand nicht nur in der Unternehmenszentrale im finnischen Espoo, sondern teilweise ebenso im Silicon Valley angesiedelt ist. Virtuelle Zusammenarbeit und regelmäßige Treffen in den USA und anderen Regionen gehören zum Alltag der Vorstandsmitglieder, die Kommunikation ist im Zusammenspiel innerhalb virtueller Teams ein entscheidender Erfolgsfaktor.

 

Nach seinem Ingenieurstudium, das Hans-Jürgen Bill 1981 abschloss, entschied er sich im Anschluss an eine Studienberatung für das Aufbaustudium Wirtschaftsingenieurwesen in Pforzheim. Er empfand die Kombination aus Wirtschaft und Technik als „tolle Sache“, die ihn in seinem Bestreben, nicht als reiner Ingenieur zu arbeiten, entscheidend weiterbrachte. Den heutigen Wirtschaftsstudierenden empfahl er, bei ihren Studienschwerpunkten im BWL-Bereich die technischen Aspekte und Entwicklungen nicht aus dem Auge zu lassen und auch mal auf die „andere Straßenseite“ des Pforzheimer Campus zu gehen, um einen Blick in die Labore der Fakultät für Technik zu werfen. „Man muss nicht alles verstehen, aber Interesse zeigen“, so der Ratschlag von Bill. Er unterstrich die zunehmende Bedeutung der Technologie als entscheidenden Faktor für die Qualifikation von Mitarbeitern: „Eine klare Trennung von BWL und Technik funktioniert nicht mehr.“

 

Bill begann seinen beruflichen Werdegang bei Siemens in München im Vertrieb, wo er auch ungeliebte Aufgaben wie die Kaltakquise bei bayerischen Mittelständlern erhielt. Dies stellte sich als vorteilhaft für die Entwicklung seiner Sozialkompetenz heraus, die in seiner heutigen Position von unschätzbarem Wert ist: „Der Vertrieb war eine gute Schule, den Umgang mit Leuten zu üben.“, so Bill. Nach ein paar Jahren erhielt er die Chance, nach Madrid zu gehen, wo er sich die Landessprache neben der Arbeit erst noch aneignen musste. Zurück in Deutschland holte ihn sein ehemaliger Chef zur Mobilfunksparte von Siemens und Hans-Jürgen Bill ging für vier Jahre nach Jakarta, wo er einen Unternehmenszweig mit 800 Mitarbeitern aufbaute. Die Zeit in Indonesien hat er als „Abenteuer“ positiv in Erinnerung: „Ich bin immer noch Asien-affin“, so Bill. Bis 2006 leitete er anschließend das Mobilfunkgeschäft für Europa und später Asien, dann kam der Zusammenschluss „Nokia-Siemens-Network“. 2009 wurde ihm das Angebot unterbreitet, den Human Resources Bereich zu übernehmen, von dem Hans-Jürgen Bill nach eigenem Bekunden „überhaupt keine Ahnung“ hatte. In solchen Situationen, wo es gelte, weitreichende Entscheidungen zu treffen, sei es hilfreich, die Meinung von Anderen, die einen gut einschätzen können, einzuholen. Ein Bekannter half ihm seinerzeit bei der Entscheidungsfindung, indem er ihm seine Fähigkeit vor Augen hielt, gut mit anderen Menschen umgehen zu können – nicht zuletzt aufgrund seiner „Vertriebsvergangenheit“. Den Studierenden gab Bill in diesem Zusammenhang den Ratschlag, sich ein Netzwerk zu bauen, z.B. aus Kommilitonen, und sich einen beruflichen Mentor zu suchen, um sich selbst reflektieren zu können. Die Entscheidung für den Personalbereich mit bis zu 1.200 Mitarbeitern hat sich letztlich als „Traumjob“ entpuppt – auch wenn Bill anfangs nicht wusste, ob er das will und kann. An dieser wie auch an anderen Punkten seiner Karriere habe es sich als richtig herausgestellt, Chancen zu ergreifen und auszuprobieren, ob die neue Aufgabe zu ihm passt. „Machen Sie das, was Ihnen Spaß macht!“ riet Hans-Jürgen Bill den Erstsemestern, nur dann könne man stark und erfolgreich sein. Ausprobieren sei sehr wichtig: „Lieber merken, dass etwas falsch ist, und die Konsequenzen daraus ziehen.“ Praxiserfahrungen während des Studiums seien unerlässlich, um einschätzen zu können, was im Beruf auf einen zukomme und was einem liege: „Die Augen offen halten, nicht auf festen Gleisen fahren, Jobs und sich selber kennenlernen“, so sein Tipp. Auch solle man die eigenen Erwartungen nicht zu hoch setzen, da bei Nicht-Erreichen allzu hoch gesteckter Ziele nur Frustration drohe.

 

Auf die Frage eines „Newies“, welche Ziele er vor seinem Studium hatte und wie sich diese im Verlauf der Zeit verändert hätten, erinnerte Bill sich daran, dass es eher eine Neigung zur Technik war, er sich aber nicht als „Nerd“ in einer Labortätigkeit sah, sondern gern mit Menschen zu tun haben wollte. Er konnte nach eigener Einschätzung „ganz gut verkaufen“, sein soziales Verständnis habe sich dann im Lauf der Zeit immer weiter entwickelt.

 

Wie seine Aufgabe als Personalleiter von 100.000 Mitarbeitern aussieht und wie er sich den „Personaljob“ angeeignet hat, war Inhalt einer regen Diskussion zwischen Hans-Jürgen Bill und den Erstsemestern, moderiert von Prodekan Markus-Oliver Schwaab. Soziale Kompetenz stellte sich als zentrale Eigenschaft heraus, die man als Personalchef eines Global Players wie Nokia mitbringen muss, um in Auswahlgesprächen die geeigneten Führungskräfte zu verpflichten und die richtigen Entscheidungen für das Unternehmen zu treffen. Als Chef sieht Bill sich mehr als Teamleader und Coach denn als hierarchischer Vorgesetzter - letzteres würde zur egalitären Kultur in Finnland und der Open-Door-Policy bei Nokia auch gar nicht passen. Das Thema Human Resources hat er sich mit „Learning by doing“ erschlossen; bei Fachthemen kann er auf viele Experten in seinem Team zugreifen – entscheidend für Bill ist, dass er „das Geschäft versteht“. Bei einem weltweit agierenden Unternehmen mit vielen Mitarbeitern in u.a. Indien, China und den USA heißt dies konkret, dass er Antworten auf Fragen wie „Welche Kompetenzen brauchen wir im Unternehmen, um in Zukunft erfolgreich zu sein?“ findet, im Rahmen des Leadership Development Führungskräfteprogramme entwirft und die Kultur bei Nokia entwickelt. Dabei ist nicht nur wichtig, wie die Außenwahrnehmung ist, sondern im Hinblick auf die Mitarbeiterbindung in erster Linie auch die interne Wahrnehmung: „Die Leute  bleiben im Unternehmen, wenn sie sich dort wiederfinden, wenn gemeinsame Werte vorhanden sind“, ist sich Hans-Jürgen Bill sicher. Ethnische Hintergründe oder Nationalitäten treten bei Nokia gegenüber Qualifikation, Kompetenz und Flexibilität klar in den Hintergrund – was sich im multikulturell aufgestellten Vorstand widerspiegelt und sich motivierend auf die Mitarbeiter auswirkt.

 

Das Thema „Ausland“, insbesondere der Einfluss von Auslandserfahrungen auf die Karriere und wie es ist, längerfristig im Ausland zu leben und arbeiten, war für die Studienanfänger im Hinblick auf ihre Zukunftsplanung ebenfalls spannend. Natürlich sei es manchmal „tough“ und unbequem, die Zelte hinter sich abzubrechen und sich in einem anderen Land zurechtzufinden. Man verliere Verbindungen zum alten Umfeld und habe auch mit Heimweh zu kämpfen. Die Vorteile überwiegen für Hans-Jürgen Bill aber eindeutig: „Man nimmt immer mehr mit, als man gibt, weil man sehr viel für die persönliche Weiterentwicklung lernt und Erfahrungen sammelt.“. Aus Sicht eines Personalverantwortlichen ist ihm ein Lebenslauf mit „Ecken und Kanten“ lieber als ein „Einserabschluss“, der sehr „glatt“ daherkommt: „Man lernt aus Fehlern – und wie man sie korrigiert – nicht aus Erfolgen“, so Bill. Er selbst würde sich aus heutiger Sicht wieder für denselben Studiengang entscheiden wie damals, auch wenn nicht alle Studienfächer Spaß gemacht haben – entscheidend für ihn sei, dass er in beruflicher Hinsicht immer das Glück gehabt habe, etwas zu machen, was ihm gelegen ist.